One Battle After Another
© 2025 Warner Bros. Entertainment Inc.
Warum Paul Thomas Anderson seinen eigenen Revolutionsfilm nicht zu Ende denkt
One Battle After Another ist virtuoses, leidenschaftliches Kino. Und trotzdem ein Film, der sich am Ende vor der eigenen Wut fürchtet.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wann ich zuletzt so hin- und hergerissen aus dem Kino gekommen bin. Fast drei Stunden lang hat mich One Battle After Another absolut gefesselt, und am Ende trotzdem nicht ganz zufrieden zurückgelassen. Selten habe ich einen Film so sehr geliebt und gleichzeitig gespürt, dass mir etwas fehlt.
Kino in seiner schönsten Form
Was dieser Film zweifellos meisterhaft macht, sind die Bilder. Gedreht in traumhaftem Vistavision, mit PTA-typischen langen Takes, butterweichen Kamerafahrten und Close-ups, in denen sich ganze Welten auftun. Dazu der Score von Jonny Greenwood, der die Stimmung von Anfang bis Ende in seinen virtuosen Klängen aufgreift. Atmosphärisch ist der Film ein Brett.
Und ich liebe, was Anderson seinen Darsteller:innen an Raum gibt. DiCaprio als trotteliger, bekiffter Dad, der mit Bademantel und Revoluzzer-Vibe irgendwo zwischen The Big Lebowski und Che Guevara durchs Bild stolpert. Chase Infinitys Performance. Benicio del Toro als abgeklärter Sensei, der allein durch seine Präsenz ganze Szenen trägt. PTA inszeniert hier mal wieder Gesichter und Emotionen, nicht nur Dialoge.
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Wenn die Karikatur die Gefahr auffrisst
Trotzdem kann ich die Lücke, die ich nach dem Film gespürt habe, nicht ignorieren. Viele loben One Battle After Another als mutig und politisch, gerade das hat andere Erwartungen bei mir geweckt. Politisch ist der Film zweifellos, aber für meinen Geschmack auf eine eher oberflächliche Weise. Die MAGA-Bewegung wird hier in Form von überzogenen Karikaturen abgehandelt, Figuren, über die man lachen kann und soll. Und das funktioniert auch: Wir lachen kollektiv über diese toxischen, machtgeilen Typen, weil der Film sie ins Lächerliche zieht. Aber genau das nimmt ihnen auch ein Stück weit die reale Bedrohlichkeit. Ich will sie nicht nur auslachen. Ich will sie fürchten.
Vom kollektiven Aufstand zur persönlichen Reise
Dann ist da noch die fiktive Revolutionsbewegung French 75. Anfangs wirkt sie kraftvoll und chaotisch, fast idealistisch, und verschwindet dann schnell wieder im Hintergrund. Die Gruppierung wird weitestgehend zerschlagen, ihre Mitglieder verhaftet oder getötet, und statt einer kollektiven Bewegung folgt der Film fortan lieber DiCaprios Figur auf seiner sehr persönlichen Reise. Das ist stark gespielt und macht Spaß, aber es nimmt dem Film auch einen Teil seines politischen Gewichts. Was bleibt, ist eher ein Pop-Revoluzzer-Märchen als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem, was es heißt, Widerstand zu leisten.
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Der Horror bleibt am Bildrand
In manchen Momenten musste ich an Once Upon a Time in Hollywood denken. Auch da ging es um das Spiel mit Erwartungen, um eine Rechenschaft mit dem realen Schrecken der Mansons, der hier allerdings durch Kinoästhetik aufgefangen und verformt wird. Auch PTA rechnet ab, mit den Faschisten unserer Zeit. Aber er macht das eben nicht mit Wucht, sondern mit einem Augenzwinkern. Das ist smart, das ist stylisch, aber es ist eben auch ein bisschen bequem.
Besonders deutlich wird das bei Sean Penn als Colonel Lockjaw. Eine Figur, die in ihrer Gestik, Mimik und steifen Körpersprache wirklich beeindruckend gespielt ist. Sean Penn liefert hier eine One-Man-Show voller Details, man spürt jede Zuckung, jedes Zögern. Aber als Antagonist bleibt er für mich letztlich zu sehr Witzfigur. Der Vergleich mit Hans Landa taucht in vielen Kritiken auf, aber Landa hatte eine Kälte und eine Intelligenz, die mir hier fehlt. Lockjaw wirkt wie ein Cartoon. Und ein Cartoon erschreckt mich nicht. Er ist gefährlich, ja, aber auf eine Art, die nicht unter die Haut geht.
Das bringt mich zu einem Punkt, der mich wirklich stört: Die Gewalt, die Ungerechtigkeit, das Leiden, sie sind im Film da, aber sie bleiben am Rand des Bildes. Wenn Lockjaw durch Flüchtlingslager läuft, sehen wir am Bildrand Kinder auf Betonböden spielen, Zellen, Bettenlager. Doch die Kamera bleibt bei Lockjaw. Der Horror passiert in der Peripherie, und das fühlt sich für mich nicht nach Mut an, sondern nach Ausweichen. Der Film will uns diese Welt zeigen, ohne sie uns zuzumuten.
Das Finale, das endlich laut wird
Und dann kommt dieses Finale. Am Ende des Films gibt es eine Verfolgungsjagd, die ich so noch nie gesehen habe. Filmisch ist das eine Wucht: ruhig, ohne hektische Schnitte, aber trotzdem packend und temporeich. Die Kamera blickt durch Windschutzscheiben, fängt die staubige Weite der Wüste ein, zeigt uns Hügel um Hügel, die auftauchen und wieder verschwinden. Nach jedem kommt der nächste. One battle after another. Die Autos, die sich jagen, gehören DiCaprios Bob, seinem faschistischen Verfolger, und vorneweg Bobs Tochter Willa.
Dann kommt dieser Moment: Willa tritt auf die Bremse, stellt das Auto ab und versteckt sich. Der Verfolger rauscht weiter und kracht in ihr Fahrzeug. Sie durchbricht das Tempo. Sie unterbricht die Hetzjagd. Und das ist für mich mehr als nur ein cleverer Schachzug. Das ist eine Metapher, für Protest, für Widerstand, für das Erkennen, dass man nicht immer mit Vollgas durch Wände rennen kann. Dass man manchmal anhalten muss, um etwas zu verändern. Genau das tut Willa. Sie findet am Ende ihren eigenen Weg, führt den Protest ihrer Eltern weiter, aber zivil, klug, reflektiert. Sie demonstriert. Sie organisiert, statt zu zerschlagen. Und ich liebe diese Entscheidung, weil sie zeigt, dass es nicht nur eine Art gibt, zu kämpfen.
Fazit: Ein Film, dem ich fast alles verzeihe
Ich will One Battle After Another nicht schlechtreden, ganz im Gegenteil. Ich bin begeistert von vielem, was PTA hier macht. Die Ästhetik ist umwerfend, das Schauspiel großartig. Der Film wird sicherlich in den nächsten Jahren auf vielen Bestenlisten landen, verdient. Und doch verlasse ich das Kino mit dem Gefühl, dass da mehr drin gewesen wäre: mehr Wut, mehr Risiko, mehr Vertrauen darin, dass ein Publikum echte Bedrohlichkeit aushält, statt sie in eine charmante Karikatur zu verwandeln.
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