The Bone Temple
Stärker fokussiert, aber erneut ohne inneren Kern
Mein Verhältnis zur 28-Reihe ist kompliziert geblieben. Und 28 Years Later: The Bone Temple macht es mir nicht unbedingt leichter, auch wenn ich ehrlich sagen muss: Dieser Film funktioniert für mich deutlich besser als sein direkter Vorgänger. Vielleicht gerade deshalb, weil er diesmal kleiner denkt. Reduzierter. Überschaubarer. Und sich zumindest formal nicht wieder völlig übernimmt.
Das ist ein Fortschritt. Aber eben kein Durchbruch.
Zwei Ideen, viel Potenzial, und wieder zu wenig Konsequenz
The Bone Temple erzählt zwei parallele Handlungsstränge, die im Laufe des Films aufeinander zulaufen. Auf der einen Seite steht der satanistische Jimmy-Kult: eine Gruppe, die sich in einem grotesken, blutrünstigen Säuberungsfeldzug verliert und jede Form von Menschlichkeit hinter sich gelassen hat. Auf der anderen Seite begleitet der Film erneut Dr. Kelson, der weiterhin versucht, die Infizierten nicht ausschließlich als Monster zu betrachten. Besonders seine seltsame, beinahe intime Beziehung zum Alpha-Zombie Samson rückt in den Fokus.
Diese Gegenüberstellung ist eigentlich spannend: absolute Verdammnis hier, vorsichtige Hoffnung dort. Der Kult als Endpunkt moralischer Verrohung, Kelson als jemand, der im größten Schrecken noch nach Empathie und Erinnerung, vielleicht sogar Würde sucht. Doch wie schon im vorherigen Teil bleibt es auch hier bei Andeutungen. Die Themen stehen im Raum, sie werden aber kaum verhandelt. Was als philosophischer Kern angelegt ist, bleibt Skizze.
Weniger ist mehr, zumindest strukturell
Was The Bone Temple dennoch besser macht als sein Vorgänger, ist seine klare Fokussierung. Weniger Figuren und überschaubare Schauplätze, eine Laufzeit von knapp 109 Minuten. Der Film weiß diesmal, was er leisten will, und vor allem, was nicht. Das tut ihm spürbar gut.
Auch inszenatorisch ist der Film deutlich kontrollierter. Nia DaCosta verabschiedet sich von wilden, chaotischen Stilbrüchen à la Danny Boyle und entscheidet sich für eine ruhige, stringente Bildsprache. Das visuelle Konzept ist klar und einheitlich, angenehm „komfortabel" im besten Sinne. Man merkt: Hier führt jemand mit sicherer Hand.
Ganz ohne Experimente bleibt es dennoch nicht. Erstmals gibt es POV-Einstellungen aus der Sicht der Zombies und bewusst gesetzte Needle-Drops, dazu eine eigenwillige, stellenweise fast kitschige Stimmung, vor allem in den Szenen zwischen Kelson und Samson. Diese Momente stechen heraus und wirken ungewöhnlich, bleiben aber sauber ins Gesamtbild eingebettet. Sie reißen nicht aus der Immersion, sondern geben dem Film zumindest punktuell eine eigene Handschrift. Genau das fehlte dem Vorgänger
Wenn Härte zur Leere wird
Ganz anders wirken dagegen die Passagen rund um den Jimmy-Kult. Hier kippt der Film für mich in eine geistlose Härte, die gleichermaßen widerwärtig wie inhaltsleer ist. Ja, wir befinden uns in einem FSK-18-Horrorfilm. Grenzerfahrungen gehören dazu. Aber die ausgedehnten, blutrünstigen Foltersequenzen fühlen sich irgendwann nur noch nach Spektakel an.
Man hat sehr früh verstanden, wie ruchlos und fanatisch, wie verloren diese Gruppe ist. Mehr Blut und mehr Leid, mehr Grausamkeit fügen dieser Erkenntnis nichts hinzu. Statt Eskalation entsteht Ermüdung. Hier hätte weniger eindeutig mehr Wirkung gehabt.
Sounddesign als echtes Highlight
Was hingegen uneingeschränkt überzeugt, ist das Sounddesign. Räume und Umgebungen, Geräusche, all das wird körperlich spürbar. Der Film arbeitet stark über akustische Ebenen, lässt den Horror nicht nur sehen, sondern fühlen. Der Sound geht direkt durchs Mark und trägt enorm zur Atmosphäre bei. Das ist handwerklich stark und gehört für mich zu den besten Aspekten des Films.
Das alte Problem bleibt: Figuren ohne Entwicklung
Und dann sind da wieder die Figuren, das größte Dauerproblem dieser neuen Trilogie. In ihnen steckt viel Interessantes, aber es wird nichts daraus gemacht. Spike, der Protagonist des letzten Films, trottet hier nur noch mit. Er erlebt Dinge und leidet, reagiert, aber er entwickelt sich nicht. Kein innerer Lernprozess, kein spürbares Reifen.
Das gilt leider auch für Dr. Kelson und Sir Lord Jimmy Crystal. Ralph Fiennes und Jack O'Connell spielen ihre Rollen großartig, keine Frage. Aber ihre Figuren werden ausschließlich vom Plot bewegt. Moralische Fragen und Werte, Motive sind vorhanden, sie werden nur nicht ausgearbeitet. Alles bleibt funktional, nichts wird vertieft.
Fazit: Ein besseres Intro, aber immer noch nur ein Vorspiel
Unterm Strich bleibt 28 Years Later: The Bone Temple für mich erneut nicht mehr als ein Intro. Ein besseres und fokussierteres, visuell stimmigeres Intro, aber eben trotzdem nur ein Vorspiel. Die Reihe entfernt sich immer weiter von den Ideen, die 2002 den Grundstein gelegt haben. Ich mag die Experimentierfreude. Ich mag es, neue, fähige Regiestimmen wie Nia DaCosta hier arbeiten zu sehen. Aber ich frage mich nach jedem Teil aufs Neue: Was wollen mir diese Filme wirklich erzählen? Welchen Mehrwert haben sie über schicke Andeutungen hinaus?
Mein Lieblings-Franchise wird das sicher nicht mehr.
Und trotzdem: Innerhalb dieser neuen Trilogie ist The Bone Temple für mich bislang der stärkste Eintrag.
Und ja. Diese Iron-Maiden-Sequenz … natürlich einfach nur krank gut.
