Die letzten echten Kinderfilme

Warum das Kino echte Kinderfreundschaften verlernt hat

Von Stand by Me bis Klara and the Sun: Ein Blick darauf, was uns fehlt – und warum

Wann habt ihr zuletzt einen Film gesehen, in dem sich Kinderfreundschaft so echt anfühlt wie in Stand by Me? Ich habe lange gedacht, das läge an mir. Dass ich einfach nostalgisch geworden bin. Aber das ist nicht der eigentliche Grund. Das Kino hat tatsächlich aufgehört, solche Geschichten zu erzählen – nicht, weil niemand sie mehr sehen will, sondern weil die Branche schlicht das Werkzeug dafür verloren hat.

Genau darum soll es hier gehen. Nicht um eine weitere Nostalgieliste, sondern um eine ernsthafte Frage: Fehlen diese Filme wirklich? Und falls ja – woran liegt das, und was müsste passieren, damit so etwas wieder entsteht?

Stand By Me Filmszene

Der Maßstab: Stand by Me und seine Geschwister

Stand by Me ist für mich der Film, an dem sich das am besten zeigen lässt. Kein spektakuläres Abenteuer, eher eine Charakterstudie: Vier Jungs, zwei Tage, eine Leiche im Wald, die sie finden wollen. Aber eigentlich geht es um etwas ganz anderes – um die Momente dazwischen. Ums Reden, ums Schweigen, ums Aneinanderreiben.

Und es gibt noch mehr Filme aus dieser Zeit, die kindliche Erfahrungen genauso ernst genommen haben. The Sandlot zum Beispiel: Vordergründig geht es nur um Baseball mit den Jungs aus der Nachbarschaft, aber Baseball ist hier nur ein Vehikel. Sinnbildlich steht das Spiel für eine bedingungslose Zugehörigkeit, die die Kinder sonst nirgendwo finden. In der berühmten Nightgame-Szene am 4. Juli unterbrechen die Jungs mitten im Feuerwerk, während drumherum die Erwachsenen feiern, ihr eigenes kleines Ritual und starren einfach nach oben – einer nach dem anderen, die Kamera geht reihum durch die Gesichter. Für einen Moment fühlen alle dasselbe: eingeschworene Freunde unter ihrem eigenen Himmel.

The Sandlot Filmszene

My Girl macht das Ganze noch stiller. Ein Sommer, eine erste große Verlusterfahrung, die zeigt, wie viel Freundschaft für ein junges Leben bedeuten kann. Nach einem Arztbesuch sagt Thomas J. nur einen Satz über seine beste Freundin – und danach folgt eine fast fünfminütige Sequenz, in der wir den beiden einfach beim Kindsein zusehen. Wasser, Wald, ein Bienennest, Angeln, am Ende sogar eine Blutsbrüderschaft. Nichts davon treibt die Handlung wirklich voran. Und genau das macht es so wertvoll.

My Girl Filmszene

The Goonies wiederum schweißt eine Gruppe von Außenseitern zusammen, die gemeinsam ihre Nachbarschaft vor dem Abriss retten wollen. Sieben Kinder gegen einen drohenden Verlust – und sie schaffen es nur gemeinsam, weil jeder von ihnen genau das beiträgt, was kein anderer hat.

Goonies Filmszene

Um all das geht es hier nicht laut, nicht episch, nicht aufgeblasen. Einfach Kinder, die füreinander da sind, weil gerade sonst niemand da ist, dem sie sich anvertrauen könnten. Am Ende von Stand by Me sagt Gordie über seine Freunde von damals sinngemäß, er habe nie wieder Freunde wie mit zwölf gehabt – und jeder, der den Film kennt, weiß genau, was er meint.

Und genau hier wird es entscheidend: Wenn heutige Kinder im Kino kaum noch sehen, wie so eine Nähe aussehen kann – woher sollen sie dann wissen, wonach sie überhaupt greifen können? Kino zeigt ja nicht nur, was ist. Es zeigt, wonach es sich lohnt, Ausschau zu halten. Und genau solche Bilder fehlen im Moment.

Dass die Sehnsucht danach nicht ausgestorben ist, sieht man daran, wie gut diese Filme bis heute performen. Ständig entstehen neue "Filme wie Stand by Me"-Listen, ständig feiern sie ihr Comeback im Kino. Nur: Filme, die dieses Gefühl neu bedienen, sind verdammt selten geworden. Also, warum bekommen wir sie nicht mehr, obwohl das Publikum sie sich sichtbar wünscht?

Grund eins: Das Mittelklasse-Kino ist verschwunden

Filme wie Stand by Me, The Sandlot oder The Goonies waren nie Blockbuster und nie Arthouse. Sie waren solide produzierte Mittelklasse-Kinofilme für ein breites Publikum – aber mit echtem erzählerischem Risiko. Genau dieses Segment ist geschrumpft. Zwischen 1995 und 2009 kamen im Schnitt rund 112 Filme pro Jahr breit in die US-Kinos, zwischen 2010 und 2023 waren es nur noch etwa 83 – über alle Klassen hinweg, von Marvel bis Arthouse.

Innerhalb dieser kleineren Menge hat sich zusätzlich verschoben, was überhaupt noch reinpasst. Branchenanalysten beschreiben mittlerweile ziemlich einhellig eine Kinolandschaft der Extreme: auf der einen Seite die großen, franchisegetriebenen Filme mit garantiertem Publikum, auf der anderen Animationsfilme, in denen kindliche Abenteuer zwar weiterleben – aber gezeichnet, nicht mit echten Kindern vor echter Kamera. Alles dazwischen, die klassischen Original-Mittelklassefilme, gilt in der Branche inzwischen als das größte Risiko überhaupt. Für Stoffe wie The Sandlot oder Stand by Me mit echten Elfjährigen, echtem Sommer, echter kindlicher Perspektive gibt es im heutigen Studiosystem kaum noch einen festen Finanzierungsplatz.

Grund zwei: Unsere Lebensrealität hat sich verschoben

Der britische Autor Tim Gill hat in seinem Buch Urban Playground eine Statistik veröffentlicht, die zeigt, wie sich der unbeaufsichtigte Bewegungsradius von Kindern über Generationen verändert hat: 1919 waren es noch 9,6 Kilometer, 1950 immerhin 1,6 Kilometer, 1979 gerade einmal 800 Meter – und im Jahr 2007 nur noch rund 300 Meter, quasi bis zum Ende der Straße.

Die taz hat kürzlich im Kontext der Debatte um Altersgrenzen bei Social Media genau darüber geschrieben und einen wichtigen Punkt gemacht: Dahinter steckt nicht in erster Linie Social Media als das große Übel – Facebook etwa gibt es erst seit 2004. Dahinter stecken vor allem Städte und Umgebungen, die für Kinder unfreundlicher geworden sind. Das Smartphone verstärkt das Problem, ist aber nicht seine Ursache.

Für die Erzählebene der Filmemacher hat das enorme Konsequenzen. Der ganze Antrieb von Stand by Me lebt davon, dass die vier Jungs zwei Tage unterwegs sind, ohne dass jemand weiß, wo sie sind – genau das macht die Reise zu etwas, das sie allein durchstehen müssen. Gäbe man ihnen ein Handy in die Hand, wäre der Film nach zwanzig Minuten vorbei. Drehbuchautoren müssen sich heute doppelt verrenken: erst plausibel machen, dass Kinder überhaupt so einen Bewegungsradius haben, und dann, dass sie nicht ständig erreichbar sind. Stranger Things hat dieses Problem elegant gelöst, indem die Serie bewusst in den Achtzigern spielt – kein Zufall, sondern die einfachste Antwort auf ein Hindernis, das moderne Coming-of-Age-Abenteuer kaum umschiffen können.

Tim Gill Urban Playground

Drei aktuelle Versuche – und was sie zeigen

Versucht wird es trotzdem, und genau daran lässt sich ablesen, was fehlt, aber auch, was möglich wäre.

The Legend of Ochi (2025) ist bewusst als Hommage an E.T. gebaut, von der ersten Einstellung an mit handgemachten Puppen, Kreaturen und mystischer Inselstimmung. Im Kern erzählt der Film davon, wie es sich anfühlt, in der eigenen Familie fremd zu sein – und genau deshalb isoliert er seine Hauptfigur fast vollständig. Das Ensemble drumherum bleibt flach und fast fantasielos. Kinder, die den Film schauen, finden außer der einen zentralen Beziehung kaum jemanden zum Identifizieren. Es fehlen echte, intime Freundschaften, obwohl genug Kinderrollen vorhanden wären.

The Legend Of Ochi Filmszene

It (2017) zeigt das Gegenteil und trotzdem ein ähnliches Problem. Im Grunde dasselbe Setup wie Stand by Me – nur mit einer echten Bedrohung statt einer Leiche im Wald – und ein Riesenerfolg, kritisch wie kommerziell. Nur kam das Budget nicht zustande, weil ein Studio plötzlich mutig war, sondern weil der Stoff als Stephen-King-Klassiker bereits bekannt und geliebt war. Die kindlichen Coming-of-Age-Bögen konnten hier nur erzählt werden, weil sie als Mainstream-Horror verpackt waren. Für ein pures Coming-of-Age-Abenteuer ohne Genreverkleidung und ohne eingebaute Fanbase hätte es dieses Budget vermutlich nie gegeben.

Es Filmszene

Und dann ist da Taika Waititi. Kaum ein Regisseur kann sich aktuell so mühelos in die Gedankenwelt von Kindern hineinversetzen. Er erzählt nicht über Kinder, sondern mit ihnen – ihre Gedanken und ihre Fantasie treiben die Geschichte an, nicht umgekehrt. Am deutlichsten wird das in Reservation Dogs, leider kein Film, sondern eine Serie, die ich wärmstens empfehlen kann: echte Teenie-Perspektiven, authentischer Alltag, Sehnsüchte, die man sofort nachfühlt, und vor allem wundervolle Freundschaften. Der Einwand, das funktioniere wegen der indigenen Perspektive nicht für ein breites Publikum, ist schlicht falsch – Waititi trifft hier universelle Themen. Aber genau daran zeigt sich mein Argument zum Mittelbudget-Kinofilm noch einmal an einem einzigen Regisseur: Kaum hatte er diese warmherzigen Coming-of-Age-Geschichten erzählt, wurde er ins Blockbuster-Kino abgezogen, Richtung Thor und fettes Marvel-Budget.

Boy Filmszene

Sein nächster Kinofilm, Klara and the Sun mit Jenna Ortega, startet im Oktober. Erzählt wird von einer KI in Gestalt eines Mädchens, die sich nichts sehnlicher wünscht als ein Zuhause und in einer Menschentochter eine echte Freundin findet. Vom Thema her genau die richtige Richtung – nur wirkt der erste Trailer schon wieder eher wie ein aufgeblasenes Sci-Fi-Spektakel als wie die stille, warmherzige Romanvorlage, von der man so viel hört. Vielleicht überrascht mich der Film noch. Aber die Sorge, dass diese einfachen, wichtigen kindlichen Themen im Effektfeuerwerk untergehen, bleibt dieselbe, um die es hier die ganze Zeit geht.

Klara and the sun Filmszene

Die Zutaten liegen auf dem Tisch

Drei unterschiedliche Fälle also: ein Versuch, der an der Oberfläche bleibt. Ein Erfolg, der sich in ein Horrorgewand hüllen musste, um erzählt werden zu dürfen. Und ein Regisseur, der genau das Richtige tut – nur bisher fast nie in dem großen, budgetierten Kinderabenteuer-Format, das ich mir wünsche.

Genau das macht mich am Ende aber auch irgendwie hoffnungsvoll. Denn die Zutaten liegen eigentlich alle schon auf dem Tisch: das Budget, das einst Filme wie The Sandlot, Stand by Me oder The Goonies getragen hat. Der Mut, den es dafür braucht – aber ohne Horror-Alibi und ohne eingebaute Fanbase im Rücken. Und der Blick für Kinder, den jemand wie Waititi so gut beherrscht. Man müsste all das nur endlich zusammenbringen.

Am Ende von Stand by Me geht Gordie allein den Weg zurück in die Stadt, während seine Freunde nacheinander hinter ihm verschwinden. Der Weg selbst bleibt trotzdem. Ob und wann ihn noch einmal jemand geht, liegt am Kino.

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