Warum Spider-Man uns nicht loslässt

ein Blick zurück vor "Brand New Day"

Drei Schauspieler, eine Maske, eine Frage, die sich nie erledigt: Was bedeutet uns dieser Held eigentlich?

Ich war acht, als Sam Raimis "Spider-Man" ins Kino kam. Gesehen habe ich ihn dort nie – dafür war ich zu jung. Und trotzdem kannte ich ihn. Die Poster, die Bilder, dieses Gefühl, das von der Figur ausging, bevor ich auch nur eine Minute des Films gesehen hatte. Spinnenbiss, Superkräfte, dieses Mädchen, in das er unsterblich verliebt war. Mehr brauchte es nicht. Und genau darin liegt, glaube ich, der Kern von allem, worüber ich heute reden will.

Denn in ein paar Wochen kommt "Spider-Man: Brand New Day", Tom Holland ist zurück, und irgendwo in mir meldet sich wieder dieses alte Gefühl. Die Frage ist nur: warum eigentlich? Was lässt diese Figur nicht los – und was kann sie uns noch bedeuten?

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Der Ursprung ist nicht der Biss, sondern die Schuld

Man kennt die Entstehungsgeschichte inzwischen auswendig. Spinnenbiss, Superkräfte, Onkel Ben stirbt, "with great power comes great responsibility". In jedem Film, jeder Serie, jeder Neuinterpretation wird sie wieder erzählt – und trotzdem funktioniert sie jedes Mal. Ich glaube, das liegt daran, dass es eigentlich nie um den Biss geht, sondern um den Moment danach. Nicht der Spinnenbiss ist der eigentliche Ursprung von Spider-Man, sondern die Schuld.

Das ist dramaturgisch etwas völlig anderes als bei fast jedem anderen Superhelden. Batman verliert seine Eltern – tragisch, prägend, aber nicht seine Schuld. Bei Peter Parker ist das anders. Er hätte es verhindern können. Und genau diese Schuld, die nie ganz verschwindet, ist der Motor hinter allem, was die Figur antreibt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich so viele Menschen in ihn hineinversetzen können – warum ich diese Figur schon gefühlt habe, bevor ich sie überhaupt auf der Leinwand sah. Diese eine Entscheidung, die man lieber nicht getroffen hätte. Spider-Man ist nicht der Held, der immer das Richtige tut. Er ist der Held, der auf die härteste Art gelernt hat, was passiert, wenn man es nicht versucht.

Die Maske ist keine Tarnung, sie ist eine Befreiung

Was Spider-Man wirklich von jedem anderen Superhelden unterscheidet, ist seine Maske – und zwar nicht als Schutz oder Geheimnis, sondern als Befreiung. Wenn Peter Parker sie aufsetzt, lässt er nicht sich selbst zurück, sondern alles, was ihn als Menschen begrenzt: sozialen Druck, Erwartungen, die Sehnsucht nach Liebe, Freundschaft, Anerkennung, nach dem einfachen Leben, das er sich eigentlich wünscht. Hinter der Maske kämpft er für niemanden außer für die, die Hilfe brauchen – ohne Dank, ohne dass irgendjemand erfährt, wer er ist.

Batman versteckt Bruce Wayne hinter dem Kostüm. Superman tut im Grunde das Gegenteil – er trägt eine Brille, nur um nicht aufzufallen. Peter Parker dagegen braucht die Maske, um endlich das zu sein, was er wirklich ist: jemand, der hilft, ohne Gegenleistung, ohne dass es die Welt je erfährt. Das ist kein Superheldenkonzept mehr, das ist eine moralische Grundhaltung. Und genau deshalb funktioniert die Identifikation so gut – weil wir uns alle wünschen, einfach das Richtige zu tun, ohne dass es jemand sieht.

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Drei Peter Parker, drei Antworten auf dieselbe Frage

Über die Jahre haben wir nicht nur einen Spider-Man bekommen, sondern mehrere – und jeder hat die Grundfrage der Figur anders beantwortet.

Tobey Maguire war der erste, Raimis Peter Parker: tragisch, fast opernhaft, ein Held, der nie ganz gewinnen darf. Ich muss ehrlich sein – mit den Jahren hat dieser Maguire-Peter für mich etwas verloren. Die Unbeholfenheit, die damals charmant wirkte, fühlt sich heute eher aufgesetzt an.

Andrew Garfield dagegen hat mich nie wirklich losgelassen. Er ist für mich der echte Nerd, der Außenseiter, der gesellschaftlich einfach nicht reinpasst – und durch die Maske endlich die Möglichkeit bekommt, das zu tun, was seine moralischen Werte von ihm verlangen. Ohne sie ist er hilflos ausgeliefert, gefangen in Erwartungen und Gefühlen, mit denen er nicht umgehen kann. Mit ihr ist er frei – nicht von Verantwortung, sondern für sie.

Und dann Tom Holland, für mich der sympathischste Teenager, den wir je als Spider-Man hatten. Man kann ihn eigentlich nur gernhaben. Genau deshalb tut es so weh, wenn er im dritten Teil alles hinter sich lassen muss, für seine Freunde, für MJ, für Ned alles aufgibt, sich selbst aufgibt. Schmerz als Preis für das Richtige, in seiner reinsten Form. Und genau hier knüpft "Brand New Day" an: eine Welt, die sich nicht mehr an Peter Parker erinnert. Er kann nur noch Spider-Man sein. Genau das macht ihn für mich vielleicht zum spannendsten Spider-Man-Film bisher – denn er stellt die Frage: Was bleibt von einem Menschen, der aufgehört hat, er selbst sein zu dürfen?

Miles Morales und die radikalste Frage der Franchise

Eine Figur darf in dieser Aufzählung nicht fehlen: Miles Morales. Für mich ist er das Herz des gesamten Spider-Man-Kosmos, weil er die vielleicht radikalste Frage stellt, die die Franchise je gestellt hat – kann jemand Spider-Man sein, der nicht Peter Parker ist? "Into the Spider-Verse" liefert die Antwort: Anyone can wear the mask. Das klingt nach Poster-Spruch, ist aber eigentlich eine gesellschaftliche Aussage. Spider-Man ist nicht an einen Körper gebunden, nicht an Herkunft, nicht an Hautfarbe – sondern an eine Haltung, an die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, auch wenn es wehtut, auch wenn niemand zusieht.

Und "Spider-Verse" hat das nicht nur behauptet, sondern visuell neu erfunden: Halbtöne wie im Comic, unterschiedliche Framerates für verschiedene Spider-Menschen. Ein Animationsfilm, der dem Realfilm gezeigt hat, wie man über Superhelden-Ästhetik überhaupt nachdenken kann. Kein kleines Statement.

Warum jede Generation ihren eigenen Spider-Man braucht

Die entscheidende Frage bleibt: Warum brauchen wir das immer wieder? Ich glaube, die Antwort ist einfacher, als man denkt. Die inneren Beweggründe der Figur bleiben gleich – Liebe, Freundschaft, ein unbeschwertes Leben, das Gefühl, dazuzugehören. Das werden junge Menschen immer kennen. Aber die Hürden verändern sich. Raimis Peter kämpft gegen das Schicksal selbst, gegen die Idee, dass manche Menschen nicht für Glück bestimmt sind. Hollands Peter kämpft gegen eine Welt, in der Identität und Zugehörigkeit flüchtig geworden sind, in der man buchstäblich aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden kann. Das sind keine zufälligen Themen, das sind die Themen ihrer Zeit.

Tom Holland hat selbst angedeutet, dass er den Staffelstab irgendwann übergeben wird – ob an Miles Morales, Spider-Gwen oder jemand völlig Neuen, weiß noch niemand. "Brand New Day" lässt zumindest durchblicken, dass Holland noch nicht fertig ist mit der Rolle. Aber die Frage, die mich wirklich interessiert, ist nicht, wer der nächste Spider-Man wird. Sondern ob die Figur ihren Kern behält.

Fazit: Kein Spider-Man ohne Schmerz

Der größte Fehler wäre es, aus Spider-Man irgendwann einen Makellosen zu machen – einen, der immer gewinnt, der stark ist, der keine Schuld trägt.

Spider-Man ohne Schmerz ist kein Spider-Man mehr. Was ich mir wünsche, ist genau das, was mich schon als Kind auf dem Spielplatz in diese Figur hat schlüpfen lassen: nicht die Kräfte, nicht der Anzug, sondern das Gefühl, dass er einen versteht. Dass er weiß, wie es sich anfühlt.

Spider-Man war immer einer von uns. Und solange das so bleibt, wird er uns noch lange in die Kinosäle ziehen – gemeinsam, euphorisch, mitfiebernd. Kein Übermensch. Nur ein freundlicher Nachbar von gegenüber.

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