Nouvelle Vague
Eine cinephile Zeitreise für Eingeweihte
Zwischen Hommage, Improvisation und purer Liebe zum Kino: Linklater entwirft ein filmisches Denkmal, das keines sein will
Nouvelle Vague ist kein Film für die breite Masse – und will es auch gar nicht sein. Richard Linklater richtet sich hier ganz bewusst an eine cinephile Zielgruppe. An Zuschauer:innen, die Namen wie Jean-Luc Godard, Agnès Varda oder François Truffaut nicht nur kennen, sondern lieben. An alle, die sich gerne in Filmgeschichte verlieren, sich an gestotterten Dialogen erfreuen und sich daran erinnern, wie aufregend Kino mal war – roh, mutig, ungestüm.
Sein Film ist keine distanzierte Hommage. Kein musealer Nachbau. Sondern ein vibrierendes, atmendes Stück Kinoliebe.
Der Film hinter dem Film – und doch völlig eigenständig
Nouvelle Vague erzählt den fiktiv-faktischen Entstehungsprozess von Außer Atem – dem Film, mit dem Jean-Luc Godard 1960 die Welt des Kinos auf links drehte. Linklater schreibt keine Biografie, sondern entwirft eine mögliche Wirklichkeit: Wie hätte es sich angefühlt, damals dabei zu sein? Was für Gespräche, Zweifel, Euphorie hätte es gegeben? Das Ergebnis ist ein Film, der sich zwischen dokumentarischer Direktheit und poetischer Intuition bewegt – und genau darin an den Stil der französischen Nouvelle Vague selbst anknüpft.
Die Kamera wirkt beiläufig, als sei sie zufällig im Raum. Szenen entstehen, scheinen unkontrolliert, aber treffen ins Schwarze. Dialoge stolpern, fließen, klingen wie aus dem echten Leben. Das Schauspiel wirkt so natürlich, dass man sich unwillkürlich fragt, ob hier tatsächlich improvisiert wurde – oder ob Linklater schlicht auf seinem Zenit als Regisseur angekommen ist.
Form und Inhalt im Gleichklang
Was Nouvelle Vague so besonders macht, ist, wie sehr Form und Inhalt ineinandergreifen. Die Ästhetik folgt nicht nur dem Vorbild der 1960er – sie wird zum integralen Bestandteil des Erzählens. Die Bilder sind zurückhaltend, aber voller Leben. Kein dramatischer Score, keine laute Inszenierung. Alles scheint „nebenbei“ zu passieren – aber diese beiläufige Energie ist genau das, was den Film trägt.
Linklater gelingt hier etwas Seltenes: ein Film über Filmschaffende, der sich nicht selbst abfeiert, sondern neugierig bleibt. Der kreativ ist, ohne prätentiös zu sein. Der tief in seine Welt eintaucht, ohne Zuschauer:innen bevormunden zu wollen.
Für wen ist dieser Film?
Ganz offen gesagt: Nouvelle Vague richtet sich an eine sehr spezifische Zielgruppe. Wer mit der französischen Filmgeschichte der 60er nichts anfangen kann, wird hier womöglich wenig Zugang finden. Es gibt keine großen Erklärungen, keine Einordnung, keine didaktische Absicherung. Linklater vertraut darauf, dass sein Publikum entweder Bescheid weiß – oder bereit ist, sich einzulassen.
Aber gerade diese Haltung macht den Film so ehrlich. So kompromisslos. Und so lohnenswert für alle, die sich auf ihn einlassen wollen.
Zwischen Moment und Erinnerung
Was bleibt, ist das Gefühl, etwas erlebt zu haben, das nicht geplant, sondern gefunden wirkt. Der Film fühlt sich an wie ein Moment, nicht wie ein Denkmal. Und das ist vermutlich seine größte Stärke.
Wer Richard Linklater kennt – ob durch Before Sunrise, Boyhood oder Apollo 10½ – weiß: Er interessiert sich für Menschen, nicht für Plotpoints. Für Gespräche, nicht für Höhepunkte. Für das Leben dazwischen. In Nouvelle Vague transportiert er diese Haltung in eine andere Zeit, in ein anderes Land – und trifft dennoch genau ins Herz.
Fazit: Ein Film wie ein liebevoller Brief an das Kino
Nouvelle Vague ist ein Geschenk für alle, die sich im Kino zu Hause fühlen. Für alle, die Filme nicht nur schauen, sondern spüren wollen. Für alle, die wissen, dass große Kunst manchmal im kleinen Moment entsteht.
Kein Film für jeden. Aber ein Film, der für die Richtigen sehr, sehr viel bedeutet.
