Recap vom 40. Fantasy Filmfest
7 Filme über die ich reden will
Kein Ranking, sondern sieben Empfehlungen aus einem so vielseitigen wie unberechenbaren Festivaljahrgang.
Nach dem 40. Fantasy Filmfest hätte ich problemlos zu jedem Film ein eigenes Video machen können. So viele unterschiedliche Filme, so viele unterschiedliche Reaktionen darauf. Statt einer Bestenliste zu folgen, die am Ende doch nur ein Fünftel dessen abbildet, was das Festival ausmacht, habe ich mich für sieben Filme entschieden. Nicht die sieben besten. Sondern die sieben, über die ich einfach reden wollte, weil sie mich beschäftigt haben, weil sie mich begeistert oder frustriert haben, oder weil ich erst im Nachhinein verstanden habe, was sie eigentlich mit mir gemacht haben.
Genau das ist für mich der Punkt eines Festivals wie diesem. Es geht nicht darum, wer gewinnt. Es geht darum, welche Filme man mit nach Hause nimmt.
Hokum:
Es braucht nicht immer das nächste große Ding
Kinostart: 31. Dezember 2026 - Regie: Damian McCarthy - Länge: 1 Std. 48 Min. - Genre: Horror
Damian McCarthys Hokum liefert im Grunde das komplette Standardrepertoire des klassischen Spukhorrors. Ein Hotel mit verbotenem Zimmer, ein Autor, der an Legenden nicht glauben will, eine Hexengeschichte, dazu die üblichen Jumpscares. Auf dem Papier klingt das nach der langweiligsten Wahl der ganzen Liste.
Und trotzdem war es genau das, was mir gefehlt hat. Es muss eben nicht immer der gewichtige, thesenschwere Elevated Horror sein, um zu funktionieren. Manchmal reicht Handwerk, sauber ausgeführt: Grusel, Ekel, eine Prise schwarzer Humor. McCarthy schafft es dabei trotzdem, dem Film eine eigene Identität zu geben, statt ihn zum reinen Abklatsch werden zu lassen. Die erdigen Naturtöne, die mystisch-irische Kulisse, geschnitzte Holzfiguren, das Makeup der Kreaturen: All das gibt Hokum einen Charme, der über die Genre-Grundausstattung hinausgeht. Wer gerade erst anfängt, sich für Horror zu interessieren, findet hier einen der besten Einstiegspunkte des ganzen Festivaljahrgangs.
AnyMart:
Das Hamsterrad als Kunstform
Kinostart: Unbekannt - Regie: Yusuke Iwasaki - Länge: 1 Std. 28 Min. - Genre: Drama
Wenn ein Film auf der Berlinale ausgezeichnet wird, kann das schnell zur Bürde werden, weil die Erwartungshaltung sofort in die Höhe schnellt. AnyMart von Iwasaki Yusuke hat diese Erwartungen für mich nicht nur erfüllt, sondern übertroffen.
Der Film blickt auf die Konsumgesellschaft, aber eben nicht aus der Perspektive der Kaufenden, sondern aus der der Arbeitenden. Es geht um Menschen, die im Hamsterrad des Einzelhandels feststecken und trotzdem immer weiter funktionieren müssen, damit die Maschine läuft. Bewusst trostlos, bewusst eintönig, bewusst zäh: Genau darin liegt die Stärke des Films. Über allem legt sich eine so seltsame Atmosphäre, dass ein eigentlich alltägliches Umfeld plötzlich beklemmend und absurd wirkt. Dieser Kontrast trägt den gesamten Film.
AnyMart zeigt ein System, das Arbeitende zu willenlosen Getriebenen macht: keine neuen Ideen, keine moralischen Fragen, nur weiterlaufen. Eine Satire, die bis ins Absurde getrieben wird, dabei aber überraschend zurückhaltend beobachtet, statt laut zu werden. Jede lange Pause zwischen Angestellten und Kundschaft, jedes sinnlose Einräumen von Ware, jedes Aufsagen von Ladenrichtlinien wie ein Glaubensbekenntnis wirkt wie aus dem echten Leben gegriffen. Wer je im Einzelhandel gearbeitet hat, wird bei einigen Szenen unweigerlich innerlich aufschreien. Und dann kippt der dritte Akt völlig, schonungslos, kaum vorhersehbar. AnyMart reißt einen nicht mit Tempo mit. Er zieht einen langsam in seine eigene Tristesse, bis man das Hamsterrad selbst zu spüren glaubt.
Hope:
Eine geniale Stunde, die sich selbst verspielt
Kinostart: 8. Oktober 2026 - Regie: Na Hong-jin - Länge: 2 Std. 36 Min. - Genre: Action, Sci-Fi, Thriller
Bei kaum einem Film dieses Jahrgangs klaffen erste und zweite Hälfte so weit auseinander wie bei Hope von Na Hong-jin. Im südkoreanischen Dorf Hope Harbor finden ein Sheriff und ein paar Jäger einen übel zugerichteten Büffel, die Spuren zu heftig für ein gewöhnliches Tier. Das Dorf ist übersät von Verwüstung und Toten, bis das erste Alien auftaucht.
Wie Na Hong-jin dieses Survival-Horror-Setting etabliert, gehört zum Stärksten, was ich dieses Jahr im Kino gesehen habe. Blutig, atmosphärisch, skurril, mit humorvollen Dialogen, dazu eine Kamera, die konstant auf Augenhöhe oder darunter bleibt, den Sheriff verliert und wiederfindet. Etwas fast Verhöhnendes liegt in dieser Beobachtung, und genau das funktioniert.
Nur ist nach dieser ersten Stunde eben auch schon Schluss mit dem Schauwert. 157 Minuten Laufzeit ziehen sich durch ein Wechselspiel aus krassen Bildern, Actionszenen und Monstern, deren CGI ihrem eigentlich coolen Creature-Design nicht gerecht wird. Der Grund für die überzogene Länge liegt für mich auf der Hand: Hier soll ein episches Sci-Fi-Franchise verankert werden, die teuerste südkoreanische Produktion aller Zeiten, mit Stars wie Michael Fassbender und Alicia Vikander im Voice Cast. Episch soll der Film wirken, egal ob die Story das trägt. Am Ende erfahren wir nichts über die Figuren, nichts über das Dorf, nichts über den Hintergrund der Invasion. Nach dieser gigantischen ersten Stunde und dem Reinfall danach fühle ich mich vom Marketing fast verarscht. Und trotzdem gehört Hope in diese Liste, gerade weil er zeigt, wie viel ein Film verspielen kann, wenn er sich selbst nicht mehr traut.
Species:
Wenn der erste Eindruck nicht ganz hält
Kinostart: Unbekannt - Regie: Marion Le Corroller - Länge: 1 Std. 43 Min. - Genre: Horror
Direkt nach der Vorführung hätte ich Species von Marion Le Corroller ohne zu zögern viereinhalb von fünf Sternen gegeben. Der Film wirft einen kritischen Blick auf Leistungsgesellschaft und überkommene Vorstellungen von Arbeitsmoral, verankert in einer jungen, angehenden Ärztin in Ausbildung. Über diese Figur wird die Kritik greifbar, erzählt als knalliger, ausgefallener French Female Body Horror mit richtig ekligen praktischen Effekten. Ein Genre, von dem ich einfach nicht genug bekomme, und Species liefert genau das ab, was ich mir davon erhoffe.
Den halben Stern habe ich im Nachhinein wieder abgezogen. Mir wurde erst nach einer Weile klar, wie wenig nachhaltig mich die Geschichte selbst beschäftigt hat, gerade im Vergleich zu einem Film wie AnyMart. Le Corroller macht ihre Aussage von Anfang an deutlich, arbeitet sie erzählerisch danach aber kaum weiter aus. Die Zuspitzung passiert im Body Horror, nicht im Drehbuch. Am Ende bleibt eine klare Empfehlung, nur eben keine, die mich noch lange verfolgt.
The Plague:
Beklemmung ohne Knalleffekt
Kinostart: Unbekannt - Regie: Charlie Polinger - Länge: 1 Std. 35 Min. - Genre: Thriller
The Plague von Charlie Polinger ist ein guter Film, auch wenn meine Erwartungen an die Horroraspekte höher lagen als das, was der Film tatsächlich liefern will. Über weite Strecken entsteht hier eine extrem beklemmende Mobbing-Geschichte, die sich nach der Hälfte kaum noch weiterbewegt. Eine echte Story-Entwicklung gibt es nicht, eine Auflösung ebenso wenig, und beides muss es auch nicht geben. Was fehlt, ist eher ein wirklicher Climax. Der Film bleibt bewusst bodenständig und wird dadurch massentauglicher, als ich zunächst gedacht hätte.
Was ihn trägt, ist das starke Schauspiel der jungen Darsteller und eine glaubwürdige Mobbing-Geschichte, die an den Nerven zehrt. Bildtechnisch überzeugt The Plague dabei umso mehr: Die Unterwasseraufnahmen sind eindrücklich, die Gänge und Umkleiden im Schulgebäude wirken endlos lang und eng. Die Farbgebung setzt auf eine verschobene Orange-Teal-Palette, die eher Richtung Grün-Blau kippt und damit Krankheit und Unwohlsein transportiert statt klassischer Kinoästhetik. Die Nähe zu Club Zero mit seinem ähnlich schulischen Setting ist unübersehbar. Ein starkes Regiedebüt, dem ich mir nur gewünscht hätte, dass sich die Erzählung noch irgendwo hinbewegt.
Carolina Caroline:
Handlungsmacht statt Sympathie
Kinostart: Unbekannt - Regie: Adam Rehmeier - Länge: 1 Std. 45 Min. - Genre: Romanze, Thriller, Gangster
Über Carolina Caroline von Adam Rehmeier musste ich noch eine Weile nachdenken. Eine Crime Romance über ein weißes, amerikanisches Gangsterpärchen: Das Setup kennt man, das hat man schon oft gesehen. Und doch bekommt die Geschichte durch die weibliche Perspektive etwas, das sich anders anfühlt als die üblichen Bonnie-und-Clyde-Variationen.
Anfangs hatte ich vor allem mit Oliver, der männlichen Hauptfigur, Schwierigkeiten. Ein selbstverliebter Kotzbrocken, ein Welterklärer, der im Grunde nur eine Frau will, die ihn bewundernd anschaut. Am Anfang hat mich das eher genervt als interessiert. Aber sobald man sich damit abfindet, dass er nun mal so ist, verschwinden auch die Probleme mit dem Film. Man muss ihn nicht mögen, um seine Funktion in der Dynamik zu verstehen.
Interessant wird es über Samara Weavings Rolle. Der Film gibt ihrer Figur tatsächlich die Chance, eigene Entscheidungen zu treffen, selbst wenn diese sie immer tiefer in die Abwärtsspirale führen. Genau da trifft mich der Film: Nicht die Beziehung selbst trägt die Geschichte, sondern wie viel Handlungsmacht ihre Figur behält, auch wenn sie sie für die falschen Dinge einsetzt. Am Ende bleibt ein kurzweiliger, emotionaler Ritt über Rebellion gegen das System, Selbstermächtigung und dieses spezifisch amerikanische Freiheitsgefühl. Nicht neu erfunden, aber mit genug eigener Handschrift, um im Kopf zu bleiben.
Leviticus:
Der bewegendste Film mit kurzer Laufzeit
Kinostart: Unbekannt - Regie: Adrian Chiarella - Länge: 1 Std. 28 Min. - Genre: Horror, Romanze
Kein Film dieser Auswahl hat mich mit so wenig Laufzeit so lange beschäftigt wie Leviticus von Adrian Chiarella, für mich der perfekte Opener des gesamten Festivals und ein bemerkenswert starkes Regiedebüt.
Zwei australische Jungen, die sich lieben. Die Angst, diese Liebe nicht öffentlich ausleben zu dürfen. Der Zwang, sie zu unterdrücken, manifestiert sich schließlich im Bösen. Mehr muss man dazu nicht sagen, mehr will der Film auch gar nicht erzählen. Unter 90 Minuten Laufzeit reichen völlig, um eine beklemmende, emotionale Atmosphäre aufzubauen, mit ein paar starken Horrormomenten, schönen visuellen Ideen und einem durchweg starken Ensemble.
Zugegeben, der Film hat nicht viel zu erzählen, und gerade im Horror-Thriller-Genre hätte man noch tiefer in den Schmerz seiner Protagonisten eintauchen können, dahin, wo es wirklich wehtut. Aber die kurze Laufzeit braucht keine große Aufklärung. Die Aussage ist simpel, und genau das darf sie sein, weil sie trotzdem gewichtig bleibt: Liebe lässt sich nicht lenken, nicht unterdrücken, nicht kontrollieren. Sie ist da, und sie ist wunderschön, und es lohnt sich, dafür alle Ängste zu überwinden. Wer die Chance bekommt, sollte am besten ohne Trailer reingehen. Klare Empfehlung.
Was diese Filme verbindet:
Fragt man mich, mit welchem der sieben Filme man anfangen sollte, habe ich ehrlich gesagt keine Antwort. Das war ja der Punkt dieser Auswahl. AnyMart, wenn Zeit und Geduld vorhanden sind. Hokum, wenn einfach eine gute Zeit gefragt ist. Leviticus, wenn 90 Minuten reichen sollen, um lange nachzuwirken. Und selbst Hope, trotz allem, was in der zweiten Hälfte schiefläuft, allein wegen einer ersten Stunde, die es wert war, darüber zu reden.
Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen, was diese sieben so unterschiedlichen Filme eigentlich verbindet: die Frage, was ein System mit uns macht, wenn wir zu lange darin feststecken. AnyMart im Einzelhandel, Species in der medizinischen Ausbildung, Carolina Caroline in einer toxischen Beziehung, Leviticus in gesellschaftlicher Unterdrückung. Vielleicht ist genau das die eigentliche Klammer des 40. Fantasy Filmfests: kein gemeinsames Genre, keine gemeinsame Machart, aber ein gemeinsames Unbehagen.
