Primetime
Wer jagt hier eigentlich wen?
Lance Oppenheims Kinodebüt erzählt die Geschichte von Chris Hansen und To Catch a Predator. Doch wer hier am Ende wirklich gejagt wird, ist komplizierter, als es der Titel vermuten lässt.
Schon der erste Frame von Primetime fällt auf. Das Bild ist unscharf, krisselig, mit diesem oldschool VHS-Grain, der sich einfach nicht wegignorieren lässt. Kein Versehen, sondern pure Absicht. Und genau mit dieser Absicht drängt Lance Oppenheim seinem Publikum von der ersten Sekunde an eine Bildsprache auf, die konsequent daran zweifeln lässt, was hier eigentlich echt ist und was nicht.
Primetime, ab 24. September 2026 im Kino, ist das Regiedebüt von Lance Oppenheim und kommt mit einer Laufzeit von 1 Stunde 49 Minuten. Der Film erzählt die Geschichte von Chris Hansen, dem Moderator, der mit der TV-Show To Catch a Predator in den USA Pädophile live vor der Kamera überführt hat. Ein selbsternannter Monsterjäger also, einer, der die Ungeheuer aus dem Dunkeln zerrt, um sie vor laufender Kamera zu entlarven. So einfach macht es Oppenheim seinem Publikum aber nicht.
Drei Kamerastile, die einander nie vertrauen lassen
Was Primetime von den ersten Minuten an trägt, ist seine Bildsprache. Sie drängt sich konstant auf, fällt richtig auf, fügt sich alles andere als subtil ein. Jeder Kamerawechsel ist spürbar. Da ist der krisselige, verwaschene Videotape-Look. Dazu kommen versteckte Cams im Überwachungskamera-Stil. Und dann gibt es noch einen dritten, vielleicht spannendsten Kamerastil: die eigentliche Rahmenhandlung um Hansen selbst, präsentiert in einer exzentrischen Farbpalette mit vielen extremen Closeups. Nichts davon fühlt sich organisch an. Wirklich nichts.
Das Ergebnis sind zwei Wahrnehmungsebenen, die permanent gegeneinander laufen. Entweder sind wir Zuschauer, die auf den Röhrenfernseher starren. Oder wir erleben Hansens Leben genau so, wie es in seinem eigenen Kopf abläuft: hell beleuchtet, in satten Farben, Hansen vielleicht als Held inszeniert, als Rächer, der in einer Hochglanz-TV-Produktion die Justiz selbst in die Hand nimmt. Genau an diesem Punkt beginnt Oppenheim, den Jäger selbst zu jagen.
Der Jäger, der von einem Monster verfolgt wird
Hansen jagt Pädophile. Das ist unbestreitbar. Aber Hansen selbst wird ebenso von einem Monster verfolgt, eines, das er nie loswird, das ihm aus dem Dunkeln entgegenblickt, egal wie viele Täter er noch vor Gericht bringt. Und genau hier liegt für mich der eigentliche Kern des Films. Nicht die Frage, ob Hansen ein guter Mensch ist, sondern: Was ist dieses Monster, das ihn verfolgt?
Wenn der Film uns dieses Monster zeigt, sehen wir grobe Züge im Dunkeln, hinter einer Fensterscheibe. Und das erinnert fast an die eigene Reflektion, die einen aus dem dunklen Bildschirm eines Röhrenfernsehers anstarrt. Eine Beobachtung, die zu einer unbequemen Frage führt: Sind wir vielleicht das zweite Monster, das Hansen verfolgt?
Das Monster sind wir?
Hansens Erfolg entsteht nicht im luftleeren Raum. Er entsteht, weil wir zuschauen. Weil uns die Sensation triggert. Weil ein Mann, der live einen Pädophilen überführt, verdammt gutes Fernsehen ist. Wir sind das, was Hansens Tun überhaupt erst antreibt. Unsere Sensationslust heizt seinen Erfolg an, und dieser Erfolg wiederum heizt das große, lukrative Showbizz an, das ihn am Ende komplett verschluckt.
Genau dieser Erfolg ist es, der Hansen bis an die Grenze treibt. Er treibt ihn so weit, dass Hansen die Realität selbst nur noch durch seine Showbizz-Brille sehen kann. Er bringt zwar echte Täter vor Gericht, verliert dabei aber den Blick dafür, was real ist und was Inszenierung. Das ist für mich das zweite große Thema von Primetime: ein Realitätsverlust, der direkt aus dem eigenen Zuschauen entsteht. Nicht trotz uns. Wegen uns. Die konstant ausgefallenen Kamerastile, ob Überwachungskamera, VHS-Look oder Hansens Hochglanz-Crime-Time-Ästhetik, zwingen einen dabei ständig dazu zu hinterfragen, ob das überhaupt real ist, was man da sieht. Und wer versucht, diese Bilder aufzubrechen und Stück für Stück dahinter zu blicken, landet unweigerlich bei sich selbst hinter dem Fernseher.
Ein Film, der sich selbst nicht entkommt
Primetime basiert auf einer wahren Geschichte, auch wenn der Film natürlich eine fiktive Interpretation von Hansen und seinen inneren Dämonen präsentiert. Trotzdem streitet der echte Chris Hansen bis heute öffentlich mit dieser Darstellung. Er sagt, er bereue nichts, und nennt sie eine Beleidigung. Der Mann, der die reale Geschichte gelebt hat, kämpft also gegen einen Film, der letztlich nur verstehen will, was so eine Person antreibt und ob man sich bei all dem überhaupt den Blick auf die Realität bewahren kann. Genau diese Kontroverse zeigt, wie komplex das Thema ist, das Primetime hier verhandelt.
Primetime ist am Ende für mich kein Film über einen Monsterjäger. Es ist ein Film darüber, wie aus einem Monsterjäger selbst ein Getriebener wird, angetrieben von der eigenen Sensationslust des Publikums, bis er die Realität nicht mehr von der Show unterscheiden kann. Und wer den Film verlässt, sollte sich eine Frage stellen: Wenn man das nächste Mal live zusieht, wie jemand bloßgestellt wird, weiß man da eigentlich noch, auf welcher Seite der Kamera man steht?
