Spider-Man: Brand New Day
(Diese Kritik enthält SPOILER)
Warum der emotional konsequenteste Tom-Holland-Spider-Man ausgerechnet daran scheitert, seiner eigenen Geschichte zu vertrauen
Am Ende von No Way Home gab Peter Parker alles her, was ihn zu Peter Parker machte. Nicht nur seine Identität, nicht nur die Erinnerung, die andere Menschen an ihn hatten – er löschte sich selbst aus dem kollektiven Gedächtnis der Welt. Übrig blieb nur die Hülle: Maske, Anzug, ein Name, der nichts mehr bedeutet außer Spider-Man. Es ist eine der radikalsten Ausgangslagen, die ein Superheldenfilm sich je erarbeitet hat, und Brand New Day hätte die logische, notwendige Fortsetzung dieses Gedankens sein können. Stattdessen wird daraus ein Film, der genau weiß, wo sein wunder Punkt liegt – und trotzdem lieber wegschaut.
Eine Ausgangslage, für die es keine Blaupause gibt
Wir kennen aus dem Superhelden-Kino unzählige Varianten des gefallenen Helden: Kräfte, die genommen werden, Kostüme, die verbrannt werden, Masken, die fallen. Aber noch nie musste ein Held zusehen, wie seine gesamte Persönlichkeit aus der Welt getilgt wird, während er selbst weiterlebt. Genau das ist der Ausgangspunkt von Brand New Day, und lange Zeit spürt man, dass die Macher das auch wissen. Peter Parker steht zum ersten Mal in der gesamten Tom-Holland-Trilogie – jetzt eigentlich Tetralogie – komplett auf eigenen Füßen. Kein Tony Stark, der ihm eine Ausrede liefert. Kein Netzwerk aus Freunden, das automatisch weiß, wer er ist. Nur er, die Maske, und eine Stadt, die ihn braucht, ohne ihn zu kennen.
Das ist großes, fast beklemmendes Material. Man fragt sich unweigerlich: Wie überlebt ein Mensch, der sein komplettes emotionales Sicherheitsnetz geopfert hat? Läuft er nicht Gefahr, sich selbst zu verlieren, während er versucht, für alle anderen da zu sein? Es ist genau diese Frage, die Brand New Day streckenweise mit bemerkenswerter Reife stellt – und die er sich am Ende nicht traut, konsequent zu Ende zu denken.
Wenn das Drehbuch die Nerven verliert
Was folgt, ist ein Film, der in seiner ersten Hälfte genau das liefert, was man sich erhofft hat: einen reiferen, einsameren Peter, dessen Schmerz spürbar unter der Oberfläche brodelt. Tom Holland trägt diese Last glaubhaft, mit einer Zurückhaltung, die neu wirkt für die Figur. Und dann, kurz nachdem der Film sein eigentliches Thema etabliert hat, verliert er offenbar das Vertrauen in sich selbst. Plötzlich braucht es Hulk. Es braucht Punisher. Es braucht Yelena, Agenten von Damage Control – und mit Jean Grey eine komplett neue Antagonistin, deren Backstory so ausführlich eingeführt wird, dass man den Eindruck gewinnt, hier werde weniger ein Spider-Man-Film erzählt als vielmehr ein zukünftiges MCU-Kapitel vorbereitet.
Was bei No Way Home mit drei Spider-Men noch triumphal funktionierte, kippt hier in sein Gegenteil. Dort trug das Übermaß an Figuren eine emotionale Idee – hier erstickt es sie. Der eigentliche Kernkonflikt, der einsame Peter, der niemanden um Hilfe bitten kann und trotzdem verzweifelt nach Nähe sucht, wird zur Randnotiz degradiert. Ein zweiter, mindestens ebenso interessanter Erzählstrang – Peters sich radikalisierende Spinnenkräfte, die ihn an den Rand tatsächlicher Gewalt gegen Zivilisten treiben – wird angerissen, dann fallen gelassen. Es ist, als hätte der Film für einen Moment gewusst, wie gut er sein könnte, und sich dann doch für den sicheren Weg entschieden.
Humor als Fluchtreflex
Besonders deutlich wird dieses Ausweichen im Umgang mit den leiseren, ernsteren Szenen. Kaum entsteht echter emotionaler Druck, springt das Drehbuch ab – meist in Form eines Gags. Die Konfrontation zwischen Peter und MJ, nachdem sie seinen Brief liest und begreift, dass er ihr all die Zeit verschwiegen hat, dass die beiden sich eigentlich kennen, ist einer der stärksten Momente des Films. Man spürt Peters Liebe, seine Scham, seine Angst, alles noch einmal zu verlieren. Und dann löst sich genau diese Szene in einem albernen Punchline auf, als hätte der Film selbst Angst vor der eigenen Ernsthaftigkeit bekommen.
Diese Unentschlossenheit zieht sich durch den gesamten Umgang mit MJ. Erst ist sie zutiefst verletzt, weil Peter allein entschieden hat, ihr die Wahrheit vorzuenthalten – eine nachvollziehbare, berechtigte Wut. Kurz darauf erklärt sie kühl, sie habe schließlich keine Erinnerung und damit auch keine Gefühle mehr für ihn übrig, um wenig später doch wieder nahtlos ins vertraute Trio mit Ned zurückzufinden. Es fehlt die Konsequenz, die No Way Home eigentlich versprochen hatte: dass ein Verlust dieser Größenordnung tatsächlich etwas kostet.
Ein Mysterium ohne echtes Risiko
Zu Beginn baut der Film ein genuines Rätsel auf: ein Antagonist, der von Körper zu Körper springt, jeden manipulieren kann außer Spider-Man selbst. Für einen Moment fühlt sich das wie waschechter Psycho-Horror an, verstärkt durch eine der stärksten Szenen des Films, in der Jean Grey Besitz von MJs Körper ergreift und Peter kurz glauben lässt, ein Kuss könnte ihre verlorene Erinnerung zurückbringen. Genau von diesem Stoff – roh, bedrohlich, echt riskant – hätte der Film mehr vertragen können.
Stattdessen wird die Identität der Bösewichtin viel zu schnell gelüftet, nicht zuletzt, weil Sadie Sinks Besetzung längst kein Geheimnis mehr ist. Und kaum ist Jean Grey enttarnt, muss der Film ihre komplette X-Men-Herkunft nachliefern – ausführlich genug, um sie als künftige MCU-Figur zu etablieren, aber auf Kosten jeder tatsächlichen Bedrohung. Man weiß als Zuschauer:in die ganze Zeit: Diese Figur wird noch gebraucht, ihr kann nichts wirklich Endgültiges zustoßen. Die Auflösung – Peter dringt emotional zu ihr vor, lässt sie sogar in seinen eigenen Kopf, um sie umgekehrt zu erreichen – erinnert stark an die Bob-Auflösung in Thunderbolts*, nur ohne deren Gefühl echter Gefahr. Was bleibt, ist eine Bösewichtin, die eher pflichtbewusst abgehandelt als tatsächlich durchlebt wirkt.
Was den Film trotzdem trägt
So viel Frust die Struktur auch verursacht – handwerklich ist Brand New Day auf der Höhe der Reihe, streckenweise sogar darüber hinaus. Die Action wirkt bemerkenswert physisch und geerdet, mit einem CGI-Gefühl, das erfreulich selten aufdringlich wird. Die Bildsprache, ein kühles Blau gepaart mit erdigen, neutralen Tönen, weckt Erinnerungen an die Sony-Ära der Amazing-Spider-Man-Filme – eine bewusste, gelungene Anspielung. Das Kostümdesign gehört zum Detailliertesten, was die Reihe bisher gezeigt hat: echter Stoff, sichtbare Nähte, der Kiefer unter der Maske, bei passendem Licht sogar Tom Hollands Augen durch die Linsen. Michael Giacchinos Score trägt all das mit einer sachten, fast melancholischen Note, die immer wieder auf die früheren Filme zurückverweist, ohne sich bei ihnen zu bedienen.
Auch Tom Holland selbst liefert eine seiner stärksten Performances der gesamten Reihe ab. Sein Spider-Man wirkt frecher, körperlich lockerer, fast schon augenzwinkernd selbstbewusst – in Bewegungen, kleinen Sprüchen, beiläufigen Dehnübungen vor einem Kampf. Es fühlt sich an, als hätte man sich bewusst an den besten Eigenschaften von Andrew Garfields Spider-Man orientiert, und das Ergebnis überzeugt.
Fazit: Solide
Was Brand New Day am Ende fehlt, ist nicht Ambition, sondern Vertrauen in die eigene Ambition. Das emotionale Zentrum der Reihe – dieses zwischenmenschliche Ringen mit Verlust und Verbindung, das die Tom-Holland-Filme immer geerdet hat – ist da, aber es wird nie tief genug ausgegraben. Zu viele Nebenschauplätze, zu viel MCU-Bauarbeit, zu wenig Mut, bei dem einen großen Gedanken zu bleiben, der diesen Film hätte tragen können.
Und trotzdem: Wer die Reihe verfolgt hat, wird auch mit Brand New Day nicht unversöhnt aus dem Kino gehen. Dafür sorgt am Ende, wie so oft, die Figur selbst – ihr Charme, ihre Wärme, die über Jahre aufgebauten Beziehungen, die auch dann noch tragen, wenn das Drehbuch um sie herum ins Straucheln gerät. Kein Höhepunkt der Reihe, aber ein Film, den man sich unbedingt ansehen kann – auch wenn man dabei ständig spürt, wie viel mehr eigentlich drin gewesen wäre.
