The Odyssey

Wenn Christopher Nolan die älteste Geschichte der Welt so laut erzählt, dass ein ganzer Kinosaal verstummt

Nolans Verfilmung von Homers Epos ist ein handwerkliches Monument – und ein Film, der sich seine eigene emotionale Nähe manchmal selbst verweigert.

Bevor ich überhaupt zum Film komme, muss ich von diesem einen Moment erzählen, der mir wahrscheinlich länger im Kopf bleiben wird als so manche Einstellung von The Odyssey selbst. Ich saß im IMAX Leonberg, auf der größten Leinwand Deutschlands, der Saal randvoll bis in die letzte Reihe. Und dann: nichts. Keine Reaktion, kein Raunen, kein Handy-Leuchten, fast drei Stunden lang. Ich habe selten ein Publikum erlebt, das derart geschlossen die Augen nicht vom Bildschirm nahm. Genau für diese kollektiven Kinomomente gehe ich überhaupt noch ins Kino – und dass ein knapp dreistündiger Sandalenfilm über einen 3000 Jahre alten Stoff das schafft, sagt schon einiges darüber aus, was Nolan hier gebaut hat.

Ein Blockbuster, der sich nicht traut, den Stoff neu zu erzählen – und das ganz bewusst

Worum es geht, muss man in diesem Sommer wohl niemandem mehr erklären. Nolan verfilmt Homers Odyssee: die Irrfahrt des Odysseus nach dem Fall Trojas, während zuhause seine Frau Penelope und sein Sohn Telemachos gegen eine Horde Freier um Ithaka kämpfen. Mehr Handlung braucht es nicht, der Stoff ist so alt wie die abendländische Literatur selbst, und genau das ist die eigentlich interessante Ausgangsfrage: Wie erzählt man etwas, das im Grunde jeder kennt oder zumindest zu kennen glaubt?

Nolan entscheidet sich klar für den Weg des Blockbusters. Er arbeitet die Vorlage fast akribisch ab, Station für Station, und versucht, jede einzelne davon so gewaltig wie irgend möglich zu inszenieren. Das ist eine bewusste Setzung – man merkt in jeder Einstellung, dass hier jemand am Werk ist, der sich für die epische Wucht des Stoffes entschieden hat statt für die leiseren Zwischentöne. Ich verstehe diese Entscheidung, auch wenn ich sie am Ende nicht komplett teile.

The Odyssey BTS

Van Hoytema, Göransson und eine Kamera, die für diesen Film neu erfunden wurde

Rein handwerklich ist The Odyssey der Wahnsinn. Hoyte van Hoytema, seit Interstellar Nolans fester Kameramann, liefert Bilder, die einen fast erschlagen, dazu ein Sounddesign, das genau diese Bilder noch zu überbieten versucht. Die gut zwei­einhalb Stunden fühlen sich an wie eine Fahrt durch einen Tornado, Odysseus wird unerbittlich von einem Schicksalsschlag zum nächsten gezerrt – und der Film ist dabei dreckiger und brutaler, als ich es erwartet hätte, wenn ich vorher darüber nachgedacht hätte. Soldaten, die sich im Trojanischen Pferd vor Angst einnässen und im heranschwappenden Meer ertrinken, derbes Abgeschlachte, intensive Kampfchoreografien. Diese Härte passt zu Nolan, und sie wirkt hier erstaunlich authentisch statt aufgesetzt.

Was mich dagegen wirklich überrascht hat, war der Horror-Einschlag, der immer wieder durchbricht, etwa in der Höhle des Zyklopen oder bei Circe, gespielt von Samantha Morton, die diese Figur zu einem der unheimlichsten Momente des Films macht. Die Verwandlung der Männer in Schweine habe ich kaum ausgehalten, das fühlte sich an wie ein Albtraum. Gerade diese Stellen, an denen Nolan sich traut, unangenehm statt nur episch zu sein, haben mich am meisten gepackt.

Ein Wort noch zur Produktion, weil es tatsächlich einen Unterschied macht, wie man den Film sieht: Für The Odyssey hat IMAX auf Nolans Anstoß hin eine neue, deutlich leisere Kamera samt eigenem Schalldämpfungssystem entwickelt – notwendig, weil das laute Rattern der 65-mm-IMAX-Kameras bislang jede Tonaufnahme in Nahaufnahmen unmöglich gemacht hat. Dadurch konnte auf nachträgliche Studiovertonung verzichtet und die echte On-Set-Emotion der Darsteller eingefangen werden. Für mich ein handfester Grund, den Film unbedingt im englischen Original zu schauen: Genau diese rohe Intimität geht in der Synchronisation verloren.

Und dann ist da noch Jennifer Lame am Schnitt, die nach Hereditary, Marriage Story und Nolans eigenen Tenet und Oppenheimer erneut zeigt, wie man eine verschachtelte Zeitachse kaum spürbar zusammenhält. Schnelle Schnittwechsel, wenn die Szene sie braucht, lange Einstellungen, die sich einbrennen sollen – und das alles so unauffällig montiert, dass daraus überhaupt erst eine derart rasante Odyssee wird.

Der wunde Punkt: Odysseus bleibt seltsam unversehrt

Und damit zu dem, was mich am meisten beschäftigt hat. Bei aller Wucht bleibt Nolans Odysseus, gespielt von Matt Damon, seltsam unversehrt. Aufrecht, standhaft, zielgerichtet. Es gibt im ganzen Film eigentlich nur zwei Momente, in denen er wirklich innehalten und reflektieren muss. Der erste spielt bei Kalypso, funktioniert aber vor allem als Vehikel, damit Odysseus von seiner Reise erzählen kann und wir als Publikum sehen, was wir noch nicht gesehen haben. Sein Drang, heimzukehren, hat er längst verinnerlicht – hier bricht er nur langsam wieder aus ihm heraus. Kein echter Prozess, kein Ringen um Erinnerung, sondern schlicht Kalypsos Wille, ihm aus Mitleid die Erinnerung an Heimat, Familie und Troja zurückzugeben.

Der zweite Moment ist stärker, und für mich der beste des ganzen Films: das erste lange Gespräch zwischen Odysseus und Penelope nach seiner Rückkehr. Sie hinter einem verschlossenen Gitter, er noch in Verkleidung, ihr den Rücken zugekehrt. Diese Szene zwingt Odysseus endlich, sich den schrecklichen Erinnerungen an den Fall Trojas zu stellen, und er erkennt, dass ihn diese Schuld all die Jahre wahrscheinlich stärker von der Heimkehr abgehalten hat als jedes Monster, jede Göttin, jedes Unwetter. Die Leben, die seine Entscheidungen gekostet haben. Die Schändung des Tempels in Troja. Hier baut Nolan endlich die Nähe zu seiner Hauptfigur auf, die der Film sonst so bitter nötig hat.

Wo die Odyssee ihr Mitleiden verliert

Und genau das ist mein Kritikpunkt, wenn ich einen benennen müsste: Zur Odyssee gehört für mich auch das Mitleiden. Dass man spürt, wie diese Figuren verzweifeln, dass sich die Reise auch mal zäh und ausweglos anfühlt. Bei Beau Is Afraid, der im Kern ja ebenfalls eine Art Odyssee ist, habe ich mehr gelitten als hier – so wild der Vergleich klingen mag. Nolan verzichtet bewusst auf Charakternähe, auf innere Prozesse, auf das Ergründen des seelischen Verfalls. Die Zeit bei Kalypso, das Gespräch mit den Toten im Hades oder die Floßfahrt nach der Trennung von Kalypso hätten aus meiner Sicht deutlich mehr Raum verdient.

Das betrifft leider auch die anderen Figuren. Anne Hathaways Penelope harrt aus, leistet Widerstand gegen die auferlegte Pflicht, wieder zu heiraten, führt Ithaka allein, ohne König, mit einem Sohn, der noch nicht reif genug für den Thron ist, und einer Horde wildgewordener Freier vor der Tür. Das ist eine enorm starke Ausgangsposition – die der Film aber kaum zeigt, sie ist vor allem da, um zu trauern und treu zu warten. Auch Tom Hollands Telemachos und sein unerbitterlicher Glaube an die Rückkehr des Vaters bleiben eher behauptet als erzählt. Insgesamt bleiben die Nebenfiguren oberflächlich, weil sich Nolan konsequent für die Fläche statt die Tiefe entscheidet.

Dazu kommt etwas, das ich mir beim Schauen kaum eingestehen wollte: Man fragt sich zwischendurch, wer hier eigentlich die erste Geige spielen soll. Zwischen einem grandiosen Cast, Van Hoytema an der Kamera, Göransson als Komponist und Nolan im Regiestuhl versucht gefühlt jeder, den anderen zu übertrumpfen. Und so intensiv das Ergebnis am Ende ist, so sehr reißt mich das teilweise auch aus der Emotion raus. Man spürt öfter als nötig dieses „Jetzt soll ich beeindruckt sein", dieses Bedürfnis, wieder so episch wie möglich zu sein, damit die Kinnladen runterklappen. Insgeheim hätte ich mir an der ein oder anderen Stelle etwas mehr The Green Knight gewünscht – mehr Mut, von der Vorlage auszubrechen und Raum für philosophische Ergründung zu schaffen, statt einer der ältesten Dichtungen der abendländischen Literatur einfach nur so gewaltig wie möglich hinterherzujagen.

The Odyssey Filmszene

Fazit: Kinospektakel, wie es sein soll – aber nicht die ganze Odyssee

Die Odyssee ist eine Geschichte über sehr viele Dinge zugleich: Familie, Liebe, Krieg, den Glauben daran, dass am Ende alles gut wird, aber auch über einen Mann, der sich überschätzt, über Naivität, Selbstsucht und das schiere Durchhalten. Man kann sich für einen dieser Aspekte entscheiden oder versuchen, alle abzuhandeln. Nolan setzt seine Häkchen klar bei Liebe, Krieg und Glaube. Die anderen Punkte hätten einen stärkeren Fokus auf die Charaktere verlangt – und damit vermutlich genau die rasante Schnelllebigkeit zerstört, die diesen Film sonst so mitreißend macht.

Am Ende will ich diese ganze pingelige Kritik trotzdem beiseitestellen dürfen, um eine subjektive Wertung abzugeben, denn genau das darf eine Filmkritik auch sein: Nolans The Odyssey ist Kinospektakel, wie es sein soll. Ich bin aus dem Saal gegangen und war einfach nur glücklich. 4 von 5 Sternen, und ich freue mich schon jetzt auf den Rewatch, weil ich das Gefühl habe, dass beim zweiten Mal noch mehr für mich drinsteckt.

Und irgendwann, ganz sicher, gehört dieser Film für mich in ein Triple Feature mit Pans Labyrinth und Chihiros Reise ins Zauberland. Wer The Odyssey gesehen hat, weiß genau, auf welche zwei Szenen ich damit anspiele.

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