Marty Supreme
Rausch, Ego und Stillstand
Josh Safdie liefert elektrisierendes Stresskino – und erzählt dabei von einem Mann, der sich selbst genügt
Ein Film, der pulsiert, treibt, berauscht – und emotional trotzdem auf Distanz bleibt. Mit Marty Supreme inszeniert Josh Safdie ein weiteres intensives Charakterporträt, das sich ganz in den Dienst seines Protagonisten stellt. Das Ergebnis ist visuell faszinierend, energetisch aufgeladen – und inhaltlich überraschend leer.
Ein Protagonist, der nur sich selbst kennt
Mit Marty Mauser reiht sich eine weitere Figur in die Reihe narzisstischer Hauptrollen ein, die Timothée Chalamet zuletzt verkörpert hat. Nach Paul Atreides (Dune) und Bob Dylan (A Complete Unknown) folgt nun ein Mann, der sich selbst als Mittelpunkt der Welt versteht – kompromisslos, manipulativ und vollkommen überzeugt von seiner eigenen Größe.
Marty will der beste Tischtennisspieler der Welt sein. Und zwar nicht irgendwann, sondern jetzt. Alles andere – Beziehungen, Moral, Konsequenzen – ordnet er diesem Ziel unter. Der Film bleibt dabei konsequent an seiner Seite. Ohne Distanz. Ohne Einordnung. Ohne Korrektiv.
Das ist radikal. Und gleichzeitig das größte Problem.
Safdie-Stress in Reinform
Inszenatorisch ist Marty Supreme ein echtes Brett. Safdie bleibt seinem Stil treu: körnige Bilder, warme Farbwelten, ein Look, der sich wie eine verblasste Erinnerung anfühlt. Die Kombination aus 50er-Setting und 80er-Soundtrack verleiht dem Film eine fast jugendliche Energie – als würde Vergangenheit plötzlich wieder Gegenwart werden.
Das Tempo ist hoch, die Dramaturgie klar: Auf jedes Hoch folgt ein Absturz. Auf jede Eskalation eine neue Eskalation. Es ist dieses typische Safdie-Prinzip, das man schon aus Filmen wie Uncut Gems kennt – ein permanenter Zustand der Überforderung, der sich gleichzeitig erstaunlich gut anfühlt.
Und tatsächlich: Die 150 Minuten vergehen wie im Rausch. Länge ist hier kein Thema. Der Film bewegt sich ständig, treibt voran, hält die Spannung aufrecht.
Starke Form – fehlende Tiefe
Doch genau dort, wo Marty Supreme formal glänzt, bleibt er inhaltlich erstaunlich flach. Denn so intensiv die Reise auch inszeniert ist – sie führt nirgendwo hin.
Marty beginnt als Narzisst und endet als Narzisst. Es gibt keinen inneren Wandel, keine Reflexion, kein echtes Scheitern. Ja, er bekommt am Ende, was er will – nur anders, als er es sich vorgestellt hat. Aber daraus entsteht kein Lernprozess. Keine Entwicklung. Keine Erkenntnis.
Auch die Nebenfiguren bleiben funktional. Sie existieren nicht als eigenständige Charaktere, sondern als Mittel zum Zweck. Als Hindernisse, als Unterstützer, als Konsequenzen. Besonders auffällig – und problematisch – ist dabei der Umgang mit den weiblichen Figuren. Sie sind in erster Linie dazu da, zu reagieren, zu leiden, zu begleiten. Eigene Perspektiven oder Entwicklungen bleiben weitgehend aus.
Zwischen Kritik und Glorifizierung – aber ohne klare Haltung
In vielen Lesarten wird Marty Supreme als Abrechnung mit dem amerikanischen Traum verstanden. Andere sehen darin einfach ein weiteres Beispiel für Safdies kompromissloses Charakterkino. Beides ist nachvollziehbar – und doch bleibt der Film für mich irgendwo dazwischen hängen.
Denn er deutet vieles an, ohne es wirklich auszuformulieren. Ist Marty ein Produkt eines Systems? Ein Symbol für toxischen Ehrgeiz? Oder einfach nur ein Egomane, dem man zwei Stunden lang beim Gewinnen zusieht?
Der Film gibt darauf keine klare Antwort. Und genau das sorgt für diese seltsame Leerstelle im Zentrum der Geschichte.
Fazit: Beeindruckend anzusehen – schwer zu greifen
„Marty Supreme“ ist ein Film, der visuell und inszenatorisch enorm viel richtig macht. Seine Energie ist ansteckend, sein Rhythmus präzise, seine Bilder bleiben hängen. Es ist ein Film, den man sich allein wegen seiner formalen Stärke problemlos noch einmal ansehen kann.
Und trotzdem bleibt am Ende eine Distanz.
Man ist beeindruckt. Man ist unterhalten.
Aber man ist nicht wirklich berührt.
Ein faszinierendes Stück Kino – das emotional seltsam unbeteiligt lässt.
