SPIELBERGS EHRLICHSTER fILM - tHE fABELMANS aNALYSE
Die Kamera lügt nicht — sie entscheidet
The Fabelmans ist Spielbergs mutigster Film. Warum liebt ihn niemand so, wie er es verdient?
Warum lieben nicht mehr Menschen diesen Film? Das ist keine rhetorische Frage.
The Fabelmans lief 2023 mit sieben Oscarnominierungen ins Rennen. Er ging leer aus. Und was damals fast noch merkwürdiger war: Es gab kaum Aufschrei. Keine kollektive Empörung, keinen Sturm in der cinephilen Gemeinde, keine anhaltende Diskussion. Der Film verschwand einfach. Als hätte er nie existiert. Als wäre Spielbergs intimstes, persönlichstes Werk der letzten Jahrzehnte nichts weiter als ein weiterer Eintrag in einer langen Filmografie.
Ich verstehe das bis heute nicht.
Vielleicht haben ihn zu wenige gesehen. Vielleicht haben ihn zu viele falsch eingeschätzt — als nostalgisches Selbstgespräch eines alten Mannes, als Liebeserklärung an Hollywood von jemandem, der Hollywood ist. Aber das wäre eine eklatante Fehldiagnose. Denn The Fabelmans ist genau das Gegenteil davon.
Bevor wir über den Film reden, müssen wir über diesen Namen reden
Spielberg.
Wenn man jemanden auf der Straße fragt, er solle einfach einen Filmemacher nennen — irgendeinen — würde ich wetten, dass mindestens neun von zehn Menschen ohne eine Sekunde Zögern diesen Namen sagen. Spielberg ist nicht einfach ein Regisseur. Er ist eine Institution. Der Weiße Hai, Schindlers Liste, Jurassic Park, E.T. — das sind keine Filme, das sind kollektive Erinnerungen. Spielberg hat uns seit Jahrzehnten Versionen der Realität gezeigt, die echter wirken als das Echte. Träume, die sich anfühlen wie Kindheitserinnerungen, auch wenn man gar nicht dabei war.
Und jetzt, mit The Fabelmans, richtet er diese Linse zum ersten Mal auf sich selbst.
Der Film ist semi-autobiografisch. Spielberg erzählt seine eigene Kindheit, verpackt in die fiktive Familie Fabelman. Der junge Sammy Fabelman entdeckt seine Liebe zum Film. Er kämpft mit dem langsamen Zerbrechen seiner Eltern. Er erlebt Antisemitismus in der Schule. Und er filmt. Immer wieder filmt er. Die Kamera als Schutzschild, als Beobachtungsposten, als einziger Ort, an dem das Chaos um ihn herum eine handhabbare Form annimmt.
Wer jetzt denkt: „Aha, große Liebeserklärung ans Kino, nostalgisches Schwelgen, ein Regiegenie setzt sich selbst ein Denkmal" — der liegt falsch. Komplett falsch.
Der Film, der dem Kino nicht schmeichelt
The Fabelmans ist kein Film darüber, wie wunderbar das Kino ist. Er ist ein Film darüber, was das Kino mit uns macht — mit denen, die es erschaffen, und mit denen, die es konsumieren. Und diese Frage ist schärfer, unbehaglicher und ehrlicher, als man es von einem Hollywood-Altmeister erwarten würde.
Es gibt eine Szene, die das besser auf den Punkt bringt als jeder Filmtheorietext, den ich je gelesen habe.
Sammy ist in der High School. Er wird von einem Typen namens Logan gemobbt — antisemitische Sprüche, das übliche Elend. Kurz vor dem Ende des Schuljahres dreht Sammy einen Film über den gemeinsamen Ausflugstag seiner Klasse. Und er tut dort etwas Seltsames: Er macht Logan, seinen Peiniger, zum strahlenden Helden des Films. Er zeigt ihn rennend, lachend, leuchtend. Like a golden, kind of thing, wie Logan es selbst später beschreiben wird.
Nach der Vorführung stellt Logan Sammy im Schulflur. Er fragt ihn: „You make me look like that?" Und Sammy antwortet: „Ganz simple. Did what the camera told me. And it showed what it showed."
Das ist eine Lüge. Und alle wissen es — Logan, das Publikum, Sammy selbst.
Was Sammy mit 17 bereits verstanden hat, ist etwas, das viele Menschen ihr Leben lang nicht begreifen: Die Kamera sieht nicht einfach. Die Kamera entscheidet. Wer ins Bild kommt. Wie lange. In welchem Licht. Mit welcher Musik darunter. Der Mensch hinter der Linse hat die Macht, jemanden zum Helden zu machen, zum Schurken — oder zum vergessenen Statisten, den niemand je wahrnimmt.
Das ist keine Bescheidenheit, wenn Sammy sagt, er habe nur gezeigt, was die Kamera gesehen hat. Das ist Verleugnung. Und genau in dieser Verleugnung liegt die eigentliche Spannung des Films.
Wahrheit, Fiktion und die neue Realität
The Fabelmans stellt die ganze Zeit über dieselbe Frage: Was ist Wahrheit — und was ist das, was der Film daraus macht?
An einer anderen Stelle in derselben Szene murmelt Sammy halb zu sich selbst: „In my head, everything is already out of control." Film gibt ihm die Möglichkeit, das Leben so zu ordnen, wie er es haben will. Die Eltern, die auseinanderfallen. Die Schule, die ihn zerreißt. Der beste Freund des Vaters, in den sich die Mutter verliebt. All das, was sich im Leben nicht kontrollieren lässt — durch die Kamera bekommt es eine Form. Eine Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende.
Was dabei entsteht, ist keine Realität. Aber vielleicht etwas wie eine neue Wahrheit. Eine, die durch ihre Geformtheit fast echter wirkt als das, was tatsächlich passiert ist.
Das klingt nach einem philosophischen Kniff, ist aber ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Wir erzählen uns Geschichten, weil das rohe Leben zu unordentlich ist. Zu laut, zu widersprüchlich, zu ungerecht strukturiert. Narrativ ist Trost. Und niemand weiß das besser als jemand, der sein Leben lang genau das tut: Erzählen.
Logan sagt am Ende der Szene — ausgerechnet er, der Bully, der Feind — den vielleicht ehrlichsten Satz des ganzen Films: „Life's nothing like the movies, Fabelman." Und Sammy antwortet fast beiläufig: „Maybe not. But in the end, you've got the girl."
Das Kino lügt. Aber manchmal präsentiert es uns dabei eine neue Wahrheit.
Kein Cinema Paradiso — und das ist ein Kompliment
Ich denke bei The Fabelmans oft an Cinema Paradiso. Diesen einen Film, den so viele als ihre emotionale Heimat bezeichnen, als ihren Film über das Kino schlechthin. Ich habe Cinema Paradiso gesehen, mehrmals sogar. Er ist schön. Unbestreitbar.
Aber für mich gab es nie diesen einen Moment, diesen persönlichen Einschlag, bei dem er mich wirklich erwischt hätte. The Fabelmans ist das für mich.
Nicht weil ich selbst Filmemacher bin. Nicht weil ich irgendeine biografische Verbindung zu Spielbergs Kindheitserinnerungen hätte. Sondern weil der Film etwas Universelleres berührt: die Frage, warum wir überhaupt künstlerisch tätig sind. Warum wir die Kamera in die Hand nehmen. Das Buch aufschlagen. Die Gitarre stimmen. Den Pinsel ansetzen.
Film kann helfen, Traumata zu verarbeiten. Er kann aus der Realität flüchten lassen, neue Blickwinkel eröffnen auf Dinge, die man schon tausendmal gesehen hat. Manchmal zwingt er einen, unangenehmen Seiten des Lebens ins Gesicht zu sehen — bitteren Wahrheiten, denen man alleine nie begegnet wäre. Das gilt für den Zuschauer. Aber noch viel mehr gilt es für den Künstler selbst. Für denjenigen, der die Geschichte formt, der entscheidet, was ins Licht kommt und was im Dunkel bleibt.
Ein Horizont, der alles verändert
Ganz am Ende des Films gibt es eine Szene, die das zentrale Thema auf eine Art zusammenfasst, die mich noch Wochen später beschäftigt hat.
Sammy betritt das Büro von John Ford — gespielt, in einem der kühnsten Casting-Entscheidungen der letzten Jahre, von David Lynch. Ford, der Mann, der das Westernkino erfunden hat, gibt Sammy eine Lektion in Bildkomposition. Keine große emotionale Rede. Keine Weisheit übers Leben. Er zeigt einfach auf zwei Gemälde an der Wand und fragt, wo sich der Horizont befindet. Das war's.
Sammy tritt raus. Geht auf die Straße. Wird kleiner zwischen den riesigen Studiogebäuden von Hollywood. Und die Kamera zeigt uns den Horizont — genau in der Mitte des Bildes. So wie er im echten Leben ist: unaufgeregt, unspektakulär, real.
Und dann, in den letzten Sekunden, ruckt die Kamera nach oben. Fast holprig, als würde jemand hinter ihr nachjustieren. Der Horizont wandert an den unteren Bildrand. Plötzlich ist das Bild interessant.
Das ist kein Gag. Das ist Spielberg, der den Vorhang zurückzieht. Der uns zeigt, was er tut — und sich dabei selbst mit einem Augenzwinkern präsentiert. Er verwandelt Realität in Fiktion, um eine neue Wahrheit zu enthüllen. Der Zauberer von Hollywood bei der Arbeit, im letzten Moment seines autobiografischsten Films.
Das Kino lügt: Der Künstler biegt die Realität, formt sie, erfindet sie neu. Und The Fabelmans tut genau das vor unseren Augen — nicht trotz seiner Selbstreflexivität, sondern wegen ihr.
Fazit: Ein Film, der es verdient, gefunden zu werden
The Fabelmans ist kein perfekter Film. Er hat Längen, er ist stellenweise zu breit, zu vollgepackt mit Episoden. Aber in seinen besten Momenten ist er etwas, das man selten sieht: Ein Regisseur, der sich selbst beim Lügen zuschaut — und dabei ehrlicher ist als die meisten Menschen es je sein könnten.
Spielbergs Botschaft ist simpel und radikal zugleich: Film zeigt uns nicht die Realität. Film macht die Realität interessant. Und manchmal, wenn man weiß, wie man die Kamera hält — macht er sie wahr.
Das reicht. Das ist genug. Das ist eigentlich alles.
Ich verstehe immer noch nicht, warum nicht mehr Menschen diesen Film lieben. Aber ich habe aufgehört, mich darüber zu wundern — und angefangen, ihn einfach immer wieder zu empfehlen.

