Obsession

Sei vorsichtig, was du dir wünschst

Curry Barker hat mit Obsession für unter eine Million Dollar einen der besten Horrorfilme des Jahres gedreht – und nebenbei bewiesen, dass Bildsprache mehr wert ist als jedes Effektbudget.

Wenn alle sagen, ein Film sei außergewöhnlich, werde ich instinktiv misstrauisch. Der Hype um Obsession war in den letzten Wochen kaum zu überhören – vergleichbar mit dem um Backrooms, vielleicht sogar größer. Das ist normalerweise mein persönliches Warnsignal. Weapons hat mich letztes Jahr mit ähnlichem Vorschusslorbeeren im Stich gelassen. Also: Erwartungen runter, Skepsis rauf.

Ich habe keinen Trailer gesehen, Reviews bewusst gemieden. Und dann sitze ich im Kino, der Film läuft – und ist richtig gut.

Weniger als Eine Million Dollar, die nach viel mehr aussehen

Zur Einordnung: Obsession wurde für gerade mal 750.000 Dollar gedreht – keine aufwendigen Sets, keine digitalen Effekte, kein sichtbares Blockbuster-Budget. Und doch sieht der Film in jeder Einstellung verdammt hochwertig aus. Das liegt nicht an Spektakel, sondern an Entscheidungen. Gut ausgestattete Locations, eine Kamera, die sitzt, ein Color Grading, das Stimmung erzeugt, eine Lichtsetzung, die man nicht einfach so hinwirft. Warme Farbtöne, die trotzdem unangenehm wirken. Schummriges, dunkles Licht, das gleichzeitig schön und beklemmend ist. Man spürt in jeder Sequenz, dass da jemand mit echter Liebe zur Ästhetik hinter der Kamera steht.

Für dieses Budget ist das fast schon absurd.

Obsession Filmszene

Kein Spukfilm, sondern ein vergiftetes Beziehungsdrama

Das Übernatürliche – der sogenannte "One Wish Willow", ein kleines Objekt, das einem Wunsch erfüllt – ist im Marketing prominent platziert. Bear, ein schüchterner Plattenladen-Angestellter, nutzt ihn, um sich zu wünschen, dass seine Jugendfreundin und Kollegin Nikki sich in ihn verliebt – mit verheerenden Konsequenzen. Aber das übernatürliche Element ist nur der Auslöser, nicht der Kern.

Darunter steckt etwas viel Dunkleres: eine Geschichte über erzwungene Liebe, über einen Mann, der die Autonomie einer Frau für seine eigenen Wünsche opfert.

Bear ist im Grunde ein widerlicher Typ. Er hat seine eigenen Probleme, seine psychischen Baustellen, und irgendwo kann er einem sogar leidtun – aber er ist auch einfach einer, der nicht den Arsch in der Hose hat zuzugeben, was er angerichtet hat. Einer, der mit Nikki zusammenbleibt, obwohl er genau weiß, dass diese ganze Konstruktion verlogen und unecht ist. Barker lehnte übrigens ein Angebot über zwei Millionen Dollar ab, das Skript so umzuschreiben, dass Bear zum Helden wird. Das sagt alles über die moralische Integrität dieses Projekts.

Und trotzdem kleben wir als Zuschauer die ganze Zeit an ihm. Er ist die Perspektive, durch die wir den Film erleben – während Nikki, die eigentlich das Opfer der ganzen Geschichte ist, inszenatorisch zur Bedrohung gemacht wird. Das ist die eigentlich gemeine Verschiebung, die Obsession von anderen Horrorfilmen unterscheidet: Man muss sich als Publikum immer wieder daran erinnern, wer hier das Arschloch ist und wer das eigentliche Opfer. Die beunruhigendste Frage, die der Film stellt, lautet nicht „Könnte mir das wie Nikki passieren?" – sondern: „Könnte ich oder jemand, den ich kenne, jemals versucht sein, das zu tun, was Bear getan hat?"

Das traut sich nicht jeder Horrorfilm.

Der langsame, unaufhaltsame Sog

Am Anfang dachte ich kurz, der Film zieht sich. Dieser Gedanke verflog schnell. Obsession braucht einfach einen Moment, um richtig reinzuklicken – und nutzt diese Zeit bewusst. Barker zeigt wenig Interesse daran, klassische Haunted-House-Schocks aufzubauen, und schneidet seinen Film stattdessen in einem seltsam destabilisierenden Rhythmus, der von Minute zu Minute enger wird. Man spürt förmlich, wie sich einem die Kehle zuschnürt, wie sich das Beklemmungsgefühl auf die Brust setzt – und es wird heftiger, es wird schlimmer, der Horror trifft umso härter, je weiter man in die Geschichte eintaucht.

Das ist handwerklich sauber erzähltes Kino: eine Spannungskurve, die einen wirklich von Szene zu Szene fester an den Kinositz krallt.

Die Kunst des Nicht-Zeigens

Was Curry Barker hier besonders gut beherrscht, ist eine klassische Horror-Disziplin: die Entscheidung, was man zeigt – und was nicht. Gerade bei einem derart begrenzten Budget ist das Weglassen oft wichtiger als das Zeigen.

Es gibt zahlreiche Szenen, in denen Nikki schlicht nicht im Bild ist. Sie hämmert gegen eine Badezimmertür. Man sieht sie nur im Hintergrund am Fenster vorbeigehen. Man hört sie schreien, während die Kamera auf Bears angstverzerrtem Gesicht bleibt, der sich irgendwo in eine Ecke kauert. Man weiß genau, dass sie da ist – vielleicht direkt hinter der Kamera –, man spürt sie förmlich, aber man sieht sie nicht. Die Abwesenheit wird zur Bedrohung.

Am stärksten fand ich eine Inszenierungsidee, die ich so noch nie gesehen habe: Szenen, in denen Nikki klar sichtbar im Licht steht – und sich dann, oft nach einem harten Schnitt, auf eine langsame, fast unnatürliche Art aus dem Licht herausbewegt, bis sie im Schatten verschwindet. Das Objekt der Bedrohung entfernt sich von der Kamera. Und trotzdem – oder gerade deshalb – baut sich ein massiv beklemmendes Gefühl auf. Man verliert als Zuschauer die Kontrolle über das, was man sieht. Ich hatte in mehreren Momenten echte Gänsehaut. Das ist mir bei Horrorfilmen schon lange nicht mehr passiert.

Obsession Filmszene

Jumpscares mit Handwerk statt Lautstärke

Beim Thema Schreckmomenten denke ich unweigerlich an eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte: den Kopf im Wrack aus Der weiße Hai. Was diesen Moment so wirkungsvoll macht, ist nicht der Schreckton allein – sondern dass man das Bild bereits ein, zwei Sekunden sieht, bevor die Musik überhaupt einsetzt. Der Schock entsteht durch Timing, nicht durch Lautstärke.

Genau diese Technik nutzt Barker. Eine Szene, die das besonders deutlich macht: Die Kamera sitzt im Auto. Im Hintergrund sieht man, wie Nikki auf das Fahrerfenster zurast. Alles passiert in Sekunden – sie rennt heran, durchbricht die Scheibe, ein regelrechtes Blutbad folgt. Kein billiger Knall-Schreck. Ein Moment, der durch Bildaufbau und Timing funktioniert, nicht durch Lautstärke.

Dass eine Szene übrigens nachträglich um mehrere Schläge gekürzt werden musste, um einer NC-17-Bewertung zu entgehen, sagt auch etwas darüber aus, wie weit Barker bereit war zu gehen.

Ein Regisseur, den man sich merken sollte

Obsession ist einer dieser seltenen Fälle, in denen der riesige Hype tatsächlich berechtigt war. Curry Barker – bisher bekannt als eine Hälfte des Sketch-Comedy-Duos That's a Bad Idea auf YouTube – hat mit seinem ersten Studiofilm bewiesen, dass durchdachte Bildsprache, kluge Inszenierung und eine subversive Geschichte über toxische, erzwungene Zuneigung mehr Wirkung erzielen als jedes Effektfeuerwerk.

Dass das Studio Hollywood inzwischen reagiert hat, überrascht kaum: Barker arbeitet bereits an Anything But Ghosts mit Aaron Paul für Focus Features, ist für eine Neuinterpretation von Texas Chain Saw Massacre bei A24 im Gespräch – und hat gerade einen achtstelligen Deal mit Universal und Blumhouse abgeschlossen. Einer von denen, die in zehn Jahren im gleichen Atemzug genannt werden wie Jordan Peele oder Zach Cregger. Ob er dieses Versprechen einlösen kann, wird die Zeit zeigen.

Obsession selbst aber hält sein Versprechen vollständig. Für mich einer der besten Horrorfilme der letzten Zeit – und ein Film, der noch lange nachhallt.

Obsession Kinoposter
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